Leserbrief an die Sächsische Zeitung

Weil derzeit in der Dresdner Morgenpost und der Sächsischen Zeitung wieder unsägliche Artikel über eine „osteuropäische Großfamilie“ kursieren, die in der Innenstadt Straßenmusik macht, dokumentieren wir hier einen Leserbrief vom Juni diesen Jahres. Schon damals fielen verschiedene Dresdner Medien über die Band her und ließen dabei alle Hemmungen fallen. Aber lest selbst:

Sehr geehrte Redaktion der Sächsischen Zeitung,
sehr geehrte Frau Vollmer,

wir, die Gruppe gegen Antiromaismus Dresden, wenden uns an Sie mit der Bitte um mehr Sensibilität im Gebrauch der Wendung „Sinti und Roma“. Anlass gibt uns der am 10.06.2016 erschienene Artikel „Eine Band tyrannisiert die Stadt“1, den wir als sehr problematisch wahrnehmen. Darin taucht die Zuschreibung „Sinti und Roma“ in einem grob erallgemeinernden und stark abwertenden Kontext auf und wird zudem falsch verwendet, da es um eine „osteuropäische Musikerfamilie“ geht, „Sinti“ jedoch nur jene Untergruppe der Roma bezeichnet, die seit mehreren hundert Jahren vor allem in Deutschland sowie einigen anderen westeuropäischen Ländern lebt.

Derartige Berichterstattung nährt sich aus antiziganistischen Vorurteilen und verstärkt sie ihrerseits. Diese Vorurteile kursieren unreflektiert in der Gesellschaft und sind der Boden für Diskriminierung und Stigmatisierung von Minderheiten. Der Artikel bedient das Klischee, dass die Minderheit die Allgemeinheit stört und sich nicht an die Regeln der Gesellschaft hält, ohne mit glaubwürdigen Zahlen und Belegen zu arbeiten. So ist zum Beispiel weder auf dem Foto in der Online-Version noch auf denen der entsprechenden Morgenpostartikel etwas von Lautsprechern zu sehen. Dass es Beschwerden gab, mag sein. Sie alle ungesichert einer Band zur Last zu legen und daraus ein „Tyrannisieren der Stadt“ zu stilisieren, kommt uns jedoch als gänzlich unangemessen vor. Zudem erscheint es uns achtungslos und herabwürdigend, dass auf dem begleitenden Foto vier Musiker_innen deutlich erkennbar sind, sodass ihre Gesichter mit den negativen Werturteilen („tyrannisieren“„nerven“„immer die gleiche Leier“„amateurhaft“„akustischer Terror“) des Artikels belegt werden.

Bei Interesse über die Hintergründe der Tradition, in der der Artikel bewusst oder unbewusst verfasst ist, empfehlen wir die bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienene Lektüre zum Thema Sinti und Roma und spezieller Artikel von Markus End, der sich mit stereotypen Darstellungen von Sinti und Roma in den deutschen Medien beschäftigt. Weiterhin stehen wir gern für aufklärende Gespräche, Vorträge und Workshops zu Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Gruppe Gegen Antiromaismus

  1. Auch wenn der Leserbrief seinerzeit nicht abgedruckt wurde scheint er minimale Wirkung gezeigt zu haben. Zumindest wurde im Titel „nerven“ aus „tyrannisieren“, alle anderen genannten Unsäglichkeiten blieben jedoch erhalten [zurück]